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Die Gottfried-Silbermann-Orgel
in der Evangelischen Kirche zu Reinhardtsgrimma von
Kristian Wegscheider und Hartmut Schütz
Geschichte Orgeldisposition Reparaturen
und Änderungen Brief
Kantor Franz vom 24.9.1852 Gedanken zur Restaurierung
1997
Kristian Wegscheider
Gedanken zur Restaurierung der Orgel 1997
Die Orgel in Reinhardtsgrimma
war die erste Silbermann-Orgel, die ich bewußt als Orgelbaulehrling
in einem Konzert mit Herbert Collum hörte. Das war 1975,
ich hatte gerade meine Ausbildung im VEB Orgelbau Dresden
(Jehmlich-Orgelbau) begonnen.
In den folgenden Jahren
gab es einzelne Kontakte zu dieser Orgel, in Konzerten,
einmal auch als Statist (als Orgelrestaurator) in einem
Fernsehbeitrag zu Gottfried Silbermann und einmal als
Orgelbauer, von der Firma Jehmlich geschickt zur Behebung
eines mechanischen Schadens an der Orgel.
Die Silbermann-Orgel
in Reinhardtsgrimma hat unter den Dresdnern einen sehr
guten Ruf und einen hohen Bekanntheitsgrad. Der große
Freundeskreis um Herbert Collum garantierte stets gut
besuchte Orgelkonzerte, die auch weit über Dresden hinaus
geschätzt und bewundert wurden.
1993 wurde ich von Kantorin
Ulrike Baudach gebeten, den Kostenanschlag für einen
Pflegevertrag einzureichen. 1995 wurde dann ein Orgelpflegevertrag
mit der Gemeinde abgeschlossen. Erste Arbeiten an der
Mechanik (Erneuerung schadhafter Ledermuttern und Ventilgehänge)
wurden ausgeführt. Anläßlich dieser ersten Pflegearbeiten
wurde eine Zustandsaufnahme mit einer Beschreibung der
erkennbaren Schäden der Orgel erarbeitet.
Am 17. August1996 kam
Herr Hubert Hofer mit Herrn Hantke und Herrn Hodick
anläßlich des Orgelkonzertes, daß Prof. Klaus Eichhorn
am 18. August 1996 gab, nach Reinhardtsgrimma. Dabei
ist wohl die Idee geboren worden, die Orgel vollständig
restaurieren zu lassen. Am 20. September 1996 reichte
ich einen Kostenanschlag für die Restaurierung der Orgel
mit Rekonstruktion der Keilbalganlage auf dem Kirchenboden
ein und erhielt am 27. Januar 1997 den offiziellen Auftrag
zur Restaurierung der Orgel.
In ständigem Kontakt
mit dem großzügigen Sponsor Herrn Hofer und mit dem
Sachverständigen Herrn Hodick stehend, wurden die auftretenden
Probleme gemeinsam besprochen und erörtert. Es bestand
Einigkeit darüber, daß es das Ziel dieser Restaurierung
sein muß, die erkennbare ursprüngliche klangliche Gestalt
der Orgel wiederherzustellen.
Wie beginnt man nun eine
solche Restaurierung? Die Orgel hat ja bis zuletzt in
Konzerten gespielt und wurde von den meisten Spielern
und Hörern hoch geschätzt. Wie soll eigentlich die Rückführung
auf die ursprüngliche Klanggestalt der Orgel erreicht
werden?
Wir tasteten uns behutsam
vor. Zunächst gab es die eindeutige Forderung nach Rekonstruktion
der ursprünglichen Balganlage. Die originalen Keilbälge
Silbermanns wurden wegen Holzwurmbefalls 1852 von dem
Orgelbauer Stöckel durch drei Kastenbälge ersetzt. Diese
wiederum 1940 oder 1953 von den Gebrüder Jehmlich durch
einen Schwimmerbalg.
Der Platz in der Bälgekammer
auf dem Dachboden läßt nur zwei große Keilbälge zu.
Die Bälge wurden nach den Vorbildern der Silbermann-Orgel
in Crostau in den Maßen 5 Fuß breit (1,42 m) und 10
Fuß lang (2,84 m) rekonstruiert. Auch das überaus kräftige
Balggestell wurde nach abgenommenen Maßen wieder in
alter Handwerkstechnik mit den typischen Holzverbindungen
rekonstruiert.
Der neue Orgelmotor betreibt
über 2 Drosselventile beide Bälge, die aber auch ohne
Motor (z.B. bei Stromausfall) im Calcantenbetrieb bedienbar
sind und die Orgel mit dem notwendigen Wind versorgen
können.
Leichte Entscheidungen
bei den restauratorischen Maßnahmen waren:
- Entfernung des pneumatisch
angesteuerten Registers Salicional 8' (Dolce) -
Rekonstruktion der gesamten Lederpulpeten - Neubelederung
der Ventile - Rückversetzen der Federleisten und
Anleimen der Ventile - Durchsicht und Reparatur
der gesamten Ton- und Registermechanik - Überholung
und teilweises Neubelegen der Klaviaturen - Beibehaltung
und Überholung der von Stöckel eingebauten Pedalkoppel
Etwas schwieriger war
die Entscheidung, ob die Windladen zur Überholung in
die Werkstatt nach Dresden kommen oder wegen der klimatischen
Umstellung doch lieber in der Kirche bleiben sollten.
Nachdem wir bei gründlicher
Reinigung der Orgel verschiedentlich frischen Holzwurmbefall
feststellen, diesen dann auch bekämpfen mußten (mit
Basileum), entschieden wir uns, die Windladen in der
Zwischenzeit in die Werkstatt zu nehmen, da wir wegen
der Holzwurmbehandlung ohnehin nicht in Reinhardtsgrimma
arbeiten konnten. Bei der genauen Untersuchung der Windladen
stellten wir leider doch etliche Risse fest, die nun
in der Werkstatt gut ausgespänt werden konnten.
Am 10. Oktober 1997 entdeckten
wir voller Freude den bereits beschriebenen Brief des
Kantor Franz von 1852, den wir nach einer Abschrift
wieder an den Platz in der Windlade zurücklegten.
Die schwierigsten Entscheidungen
der gesamten Restaurierung mußten im klanglichen Bereich
getroffen werden. Hier hatte die Orgel ganz offensichtlich
die meisten Veränderungen erfahren.
Durch das Gutachten von
Pfretzschner und den Brief von Kantor Franz sind wir
über die Arbeiten 1852 gut unterrichtet. Stöckel hat
z. B. die wegen Wurmbefall erneuerten Holzpfeifen ganz
genau in der ursprünglichen Mensur nachgebaut. Auch
die erneuerten Metallfüße sind geschickt angebracht.
Klanglich hat Stöckel die Orgel wahrscheinlich kaum
verändert. Eventuell hat er einzelne Kernstiche etwas
vergrößert bzw. auch neu gesetzt.
Einer der von Stöckel
in der Rohrflöte 4' neu angefügten Pfeifenfüße trägt
eine Aufschrift mit der Arbeitsanweisung für den Gesellen,
der die Pfeifen wieder auf die Windlade setzte: "muß
solange abgeschnitten werden, bis es baßt".
Anläßlich der Arbeiten
zum Einbau des pneumatisch angesteuerten Salicional
8' im Jahr 1909 (?) dürfte die Orgel wohl auch kaum
verändert worden sein. Auch hier vermuten wir, daß nur
größere Kernstiche in die originalen Pfeifen gesetzt
worden sind.
Entscheidend klanglich
verändert wurde die Orgel 1953, möglicherweise auch
schon etwas bei der Orgelüberholung 1940. Die in dieser
Zeit leider verbreitete Ansicht, der Winddruck müsse
gesenkt und die Pfeifenfüße geöffnet werden, führte
dazu, daß 1953 die Fußspitzen fast aller Metallpfeifen
abgeschnitten und die Pfeifen somit auf 'offenen Wind'
gestellt wurden. Der Winddruck wurde nach der Inschrift
in der Orgel von 94° auf 70° gesenkt (gemeint sind natürlich
nicht Grad sondern mm Wassersäule). Zwangsläufig mußten
dann die Pfeifenfüße geöffnet werden, da die Pfeifen
sonst nicht richtig ansprechen konnten, was in diesem
Fall leider durch Abschneiden der Fußspitzen erfolgte.
Hand in Hand mit den Intonationsarbeiten 1953 ging auch
eine leichte Erhöhung der Stimmtonhöhe einher, wie es
sie ebenfalls bei der 1852 erfolgten Einstimmung der
Orgel in gleichschwebender Stimmung gegeben haben dürfte.
Die Orgel erhielt einen
völlig neuen Klangcharakter, mit dem sie dann seit den
50iger Jahren bekannt wurde. Viele Hörer liebten den
besonders milden Klang dieser Silbermann-Orgel, der
sich ja deutlich von anderen, weitgehend original erhaltenen
Silbermann-Orgeln (z. B. Großhartmannsdorf), unterschied.
Daß die Orgelpfeifen diese Winddrucksenkung von fast
25 mm Wassersäule überhaupt mitmachten, spricht für
ihre außergewöhnliche Qualität, die sie ihrem Erbauer
verdanken.
Mit der Winddrucksenkung
und der Umintonation, von der ja auch noch andere Silbermann-Orgeln,
die in den 50iger Jahren überarbeitet wurden, betroffen
sind bzw. waren, stellte sich aber auch die vielbeklagte
Windstößigkeit ein. Dies ist auf den inzwischen historischen
Aufnahmen der Eterna-Schallplatten mit der Reinhardtsgrimmaer
Orgel gut zu hören.
1976 schlägt der Sachverständige
der Evangelischen Landeskirche, Christoph Schwarzenberg,
vor, die Windstößigkeit durch Einblasen des Motorwindes
in den Kanal in Höhe der Orgel zu mildern. Der Vorschlag
wurde nicht ausgeführt.
Auch der Kanaltremulant
funktionierte nach der Winddrucksenkung nicht mehr richtig.
Die zahlreichen Versuche, mit neuen Messingfedern und
verschiedensten Gewichten den Tremulant bei dem niedrigen
Winddruck zum Funktionieren zu bringen, sind noch heute
an der Tremulantenklappe ablesbar.
Nach den Arbeiten 1953
wurde die Orgel ständig für die zahlreichen Konzerte
gestimmt, teilweise sogar mehrmals im Jahr. Durch diese
Stimmungen, ausgeführt mit relativ schweren Messingstimmhörnern,
erlitten die Metallpfeifen leider gröbste Schäden. Nach
der genauen Schadensaufnahme mußte ich leider feststellen,
daß die Schäden am Pfeifenwerk in dieser Weise in keiner
anderen mir bekannten Silbermann-Orgel aufgetreten sind.
Nach mehreren Untersuchungen
und Versuchen mußten wir feststellen: Das Pfeifenwerk
läßt sich nicht mehr ohne größere Eingriffe in einen
stimmbaren Zustand zurückversetzen.
Nach Beratungen mit Kollegen
entschieden wir uns, die zylindrischen Metallpfeifen
mit Stimmringen zu versehen und nur die konischen Pfeifen
anzulängen, um so die stark lädierten Labienbereiche
in Zukunft zu schonen. Die Pfeifen wurden sorgfältig
repariert, gestauchte Wandungen wieder gerichtet, zahlreiche
Stütznähte bei besonders empfindlichen Pfeifen angebracht.
Wie sollten wir uns nun
bei der Intonation der Orgel entscheiden?
Die Vorgabe vom Sponsor
und vom Sachverständigen war klar: Restaurierung - heißt
Rückführung auf den beweisbaren, erkennbaren ursprünglichen
Zustand.
Das bedeutet aber, daß
wir ein völlig verändertes Klangbild erhalten, daß die
neue / alte Klanggestalt der Orgel nichts mehr mit dem
zu tun hat, was über 40 Jahre zu dieser Orgel gehörte,
diese Orgel auch bekannt gemacht hat. Sollte man eventuell
einen Kompromiß mit dem Winddruck anstreben, damit der
Klangunterschied nicht zu kraß ausfällt?
Nach einigen Versuchen
mit dem restaurierten Pfeifenwerk entschlossen wir uns,
den geradlinigen Weg zu gehen. Der von Werner Sehrer
1953 gemessene Winddruck von 94 mm WS, der in ähnlicher
Größe z. B. auch in Großhartmannsdorf oder in Schloß
Burgk belegt ist, wird mit Ziegelsteinen auf den rekonstruierten
Keilbälgen aufgelegt. Die Pfeifenfüße wurden wieder
leicht gekulpt, Kernstiche teilweise zugerieben, die
Kernspalten nach den an den Labiumseiten erkennbaren
Maßen geöffnet.
Die reparierten Prospektpfeifen
ergaben beim Winddruck von 94 mmWs einen Stimmton von
470 Hz für a'. Die Temperierung erfolgte mit der Stimmungsart,
in der wir bereits das Silbermann-Positiv im Bremer
Dom einstimmten: einer modifizierten mitteltönigen Stimmung,
die keine Wolfsintervalle aufweist, aber dennoch eine
deutliche Tonartencharakteristik besitzt.
Mündungen der Prospektpfeifen
im rechten Turm vor der Restaurierung.
Die zuvor beklagte Windstößigkeit
ist so gut wie verschwunden, der Tremulant funktioniert
sofort viel besser. Die Orgel mit ihren 'etwas hängenden
Schultern' richtet sich wieder auf.
Ein neuer - alter Klang
weht uns entgegen, ungewohnt, stark und kräftig. Lassen
wir uns von diesem Klang entführen in die kraftvolle
Zeit des Barock.
Ein herzliches Dankeschön
richte ich an Herrn Hubert Hofer. Ohne seine großzügige
finanzielle Unterstützung wäre diese Restaurierung nicht
möglich gewesen. Wie schön, daß es solche Menschen gibt.
Aber auch der Kirchgemeinde
Reinhardtsgrimma danke ich herzlich für das entgegengebrachte
Vertrauen in unsere junge Orgelwerkstatt. Für uns ist
es eine große Ehre, daß wir diese Arbeiten an dem wertvollen
Instrument ausführen durften.
Ein ganz besonderer Dank
geht an die Mitarbeiter meiner Werkstatt, die mit großem
Fleiß und Können die einzelnen Arbeiten in der Werkstatt
und in der Kirche ausgeführt haben:
Michael Wetzel, Hartmut
Schütz, Ulf Hausmann, Reinhard Schäbitz, Gunter Böhme,
David Buschbeck, Friedemann Schwarzenberg, Matthias
Weisbach, Adrian Steger, Michael Dittrich und, nicht
zu vergessen, Susanne Tränkner, unserer Sekretärin.
Ein Dankeschön geht auch
an Hilke Frach-Renner, die nach Silbermanns handschriftlichem
Dispositionsvorschlag vom 17. Oktober 1725 die Registerschilder
neu gestaltete. Weiter

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